Vor ein paar Jahren habe ich bereits einen Beitrag zum Thema "Grenzen setzen" geschrieben - jetzt wurde es Zeit für einen neuen. :-) Das Thema begegnet mir so oft in der Praxis und auch im eigenen Leben, dass es sich lohnt es zu reflektieren. Im Umgang mit uns selbst, und besonders in Beziehungen zu anderen Menschen spüren wir regelmäßig, wenn unsere Grenzen überschritten werden. Und das kann verletzend sein und uns viel Energie rauben. Wenn wir wiederholt unsere eigenen Grenzen missachten, kann es auch das Risiko für ein Burnout erhöhen.
Wie sieht es aus, wenn unsere Grenzen überschritten werden? Andere Menschen übergehen unsere Grenzen oft unbewusst, wie beispielsweise die Freundin, die die jedes Mal, wenn ihr euch trefft, von ihren Problemen erzählt; der Arbeitskollege, der dir in Besprechungen immer wieder ins Wort fällt oder deine Ideen als seine ausgibt; die Eltern, die enttäuscht darüber sind, dass du sie zu selten besuchst oder dich bei ihnen meldest. Bei der Arbeit bittet dich dein*e Chef*in wiederholt, Überstunden zu machen oder deinen Urlaub zu verschieben... Dabei geht es vor allem um die Bedürfnisse und Interessen der anderen Person.
Wir erkennen, dass unsere Grenzen überschritten werden, wenn wir verärgert sind, die andere Person uns nervt oder unser Energielevel nach der Begegnung weit gesunken ist. Gerade Wut ist ein Alarmsignal und zeigt uns fast immer an, dass unsere Grenzen missachtet wurden. Wir können sie als solches wahrnehmen und statt sie ungefiltert herauszulassen oder mit uns selbst herumzutragen (Stichwort "Grübelschleifen"), können wir uns überlegen, was dahintersteckt und wie wir die Wut als Handlungsenergie einsetzen wollen. Oft steckt dahinter ein Selbstschutz - und damit verbunden die Aufforderung, gut für unsere Bedürfnisse zu sorgen und für uns einzustehen. Das bedeutet es, die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen.
Warum fällt es uns dann oft so schwer, Grenzen zu setzen? Häufig steckt dahinter die Angst, dass wir die andere Person verärgern und sie schließlich verlieren, wenn wir Grenzen setzen: die Freundin wendet sich von uns ab, die Eltern sind enttäuscht von uns und verlassen uns (obwohl wir längst erwachsen sind und nicht mehr zuhause wohnen), der*die Chef*in kündigt uns den Job oder zieht uns einen Kollegen vor... Obwohl es sich so anfühlt, als würde es uns von anderen Menschen trennen, wenn wir Grenzen setzen, ist meistens sogar das Gegenteil der Fall: Wenn wir nicht handeln, wiederholt sich die Situation, unser Ärger und Groll wächst und wir entfernen uns innerlich immer mehr von der anderen Person. Zeigen wir dagegen unsere Grenzen und Bedürfnisse, lernt die andere Person uns besser kennen und es entsteht die Chance auf echte, ehrliche Verbundenheit.
Vor einigen Jahren war es für mich eine echte Erkenntnis, als ich auf den Zusammenhang von Grenzen und Mitgefühl gestoßen bin: Echtes Mitgefühl gibt es nur dann, wenn ich selbst meine Grenzen respektiere und nach außen vertrete. Denn wenn ich das nicht tue, wenn ich meine Grenzen missachte, werde ich es auf die eine oder andere Art und Weise der anderen Person vorwerfen, einen Groll hegen oder bin voreingenommen und kann nicht für andere Person aufmerksam sein. Daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern und mich darin zu üben, Grenzen zu setzen - und erlebe, wie ich dadurch auch wieder offener für mein Gegenüber werde.
50 Ways to Set Boundaries
Falls also noch jemand Gründe braucht, warum es gut ist, Grenzen zu setzen, hier sind ein paar davon: Grenzen helfen uns, bei uns selbst zu bleiben und für unsere Bedürfnisse einzustehen, sie schützen uns davor übergangen zu werden oder auszubrennen, sie können unsere Beziehungen vertiefen und unser Mitgefühl verstärken...
Es gibt wahrscheinlich fünfzig Möglichkeiten oder mehr, wie man Grenzen setzen kann. Hier ist eine kleine Auswahl davon:
- Der Freundin sagen, dass wir sie mögen, dass es uns aber belastet, wenn sie immer nur von ihren Problemen berichtet.
- Mit den Eltern besprechen, wie oft sie sich Kontakt wünschen und wie oft es für uns gut und möglich ist, und dann eine neue Vereinbarung finden. Wenn das alte Muster (Enttäuschung/schlechtes Gewissen) wieder auftaucht, sich an die Vereinbarung erinnern.
- Sich vor der Besprechung einen Satz zurechtlegen (z.B. "Ich möchte diese Idee noch fertig erläutern.") und wenn man unterbrochen wird, laut und deutlich dazu aufrufen, weiter angehört zu werden.
- Pünktlich Feierabend machen und Urlaubszeiten planen und einhalten. (Es aushalten, wenn der*die Chef*in ein anderes Interesse hat und es innere Unruhe auslöst.)
- In Diskussionen und Gesprächen die eigene Meinung vertreten.
- Sich mit Freunden und Familie absprechen, wie der Besuch dauern soll.
- Den Eltern sagen, dass man über bestimmte Themen (z.B. eigene Familienplanung) nicht sprechen möchte.
- Gehen (die Situation verlassen), wenn es einem zu viel wird.
- Es ansprechen, wenn ein Verhalten verletzend war oder man erschöpft ist.
- Klar sein, ohne sich zu rechtfertigen: "Das möchte ich nicht." braucht keine Begründung.
- Manchmal ist nichts zu tun (nicht zu reagieren, nicht zu antworten etc.) die stärkste Möglichkeit, um eine Grenze zu setzen.
Grenzen zu setzen ist eine Übungssache; je häufiger wir es in Situationen machen, die uns herausfordern, desto leichter und selbstverständlicher wird es. Beobachte gern, was du dabei fühlst und wie die Reaktionen ausfallen. Oft sind unsere Befürchtungen negativer als die Realität. Es gibt jedoch noch einen Schritt im Blick zu behalten: Wenn die Grenzen geäußert wurden, kann es trotzdem vorkommen, dass die alten Gewohnheiten stark sind und sich wenig bis gar nichts an den Verhaltensweisen ändert. Wenn das so ist, sollte es Konsequenzen haben: den Besuch verkürzen, das Treffen mit der Freundin unterbrechen, in der Besprechung klar äußern, dass man in jedem Fall zu Ende sprechen wird usw.
Ich wünsche dir viel Mut und Experimentierfreude beim Setzen deiner persönlichen Grenzen!